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Nordische Weihnachtsgeschichte

von Sabine Wallefeld

Ein Märchen nicht nur für Wortliebhaber

Weit oben im Norden gibt es eine Insel, auf der die Menschen wortkarg ihr Leben verbringen. Reich sind sie an guter Luft, an Fischen, an Sternen, Sand und Wind. Arm an Worten. Denn Worte müssen sie kaufen. Dafür wandern sie in das große grüne Kaufhaus weit draußen hinter den hohen Dünen. Dort gibt es die wunderbarsten Worte. Viele tausend bunte Buchstabenketten. Je seltener und länger, desto unerschwinglicher. Worte wie:

Kirschblütenhonig oder Blauwassersegler

sind sehr kostbar. Sie liegen in dem großen Schaufenster, vor dem die Menschen oft lange stehen und sich Geschichten mit zauberhaften Worten ausdenken, die kaum bezahlbar sind. Sie ersinnen Märchen, Fabeln und Legenden mit seltenen Wortwolken, Wortwäldern, Worthimmeln. Sie schwärmen von Blauwasserseglern, auf denen sie die Meere durchkreuzen und von duftenden Süßspeisen mit Kirschblütenhonig.

Jedes neugeborene Kind auf der Insel bekommt zwei Worte geschenkt: Reis und Milch. Lebensspeisen sozusagen, Garanten dafür, weder Hunger noch Durst zu leiden. Wochentage sind Reistage. Eine gewöhnliche, aber sehr beliebte Speise. Die Frauen trinken Tee, die Männer Grog, die Kinder Milch. Mein Lieblingsessen ist Milchreis. Dieses Wort kann man zusammensetzen und schon entsteht eine köstlich warme Leibspeise. Ein heimeliger Duft durchströmt unsere kleine Küche, wenn die weiße süße Masse brodelt und quillt. Stundenlang hocke ich am Holzofen und esse mit einem Teelöffel meinen Milchreis mit Zimt, ganz langsam, damit ich ihn genießen kann. Dabei schaue ich aus dem Fenster in die Weite, in dieses unendliche kalte Blau meiner Heimat. Am schönsten ist es, wenn Schneeflocken vom Himmel wirbeln, dann träume ich mich hinein in die tanzenden Flocken. Bilde mir ein, dass jedes kleine Kristall ein Wort wäre. Reich wären wir dann im Winter, Berge von Worten würden auf uns hernieder rieseln. Ich würde hinausstürmen und sie auffangen. Mit meiner Mütze, meinen Händen, meinem Mund. In einer große Decke würde ich sie sammeln, um den unerschöpflichen Schatz aus Worten an Weihnachten verschwenderisch zu verschenken.

Der Ruf meiner Mutter holt mich unsanft zurück aus meinem Luftschloss: Lars zieh dich an, wir machen einen Besuch. Wie in jedem Jahr, treffen wir uns an den Tagen vor Weihnachten bei Freunden. So auch bei der Familie des Fischers unten am Hafen in dem dunkelroten Häuschen, wo es nach Räucherfisch duftet. Als wir nach einem langen Marsch durch den Birkenhain eintreffen, öffnet Lina die Tür. Lina mit den langen lockigen Haaren, lächelt mich an. Augenblicklich fühle ich mich durchsonnt. Die Erwachsenen setzen sich an den langen Holztisch in der Stube, während Lina und ich oben in der Kammer spielen. Wir malen Blumen auf die beschlagenen Scheiben. Blumen und Buchstaben. So können wir schweigend Botschaften austauschen. Lina schenkt mir selbst gebackene Kekse, wir lachen, krümeln, albern. Lina lächelt mich mit ihren roten Wangen an. Vorfreude liegt in ihrem Blick. Ich lasse sie nicht länger warten und ziehe das goldene kleine Paket aus meiner Jackentasche. Gold-glänzend mit einem großen roten Band. Lina öffnet die Schleife ganz vorsichtig, ja andächtig. Sie findet drei Worte, jedes in feines Seidenpapier eingewickelt. Das ganze Jahr über hatte ich dafür gespart.

Schokoladenkuchen … Gänsedaunenmantel … nochmal

Lina fällt mir vor Freude um den Hals. Endlich kann sie sich diesen dunklen, fast schwarzen Lieblingskuchen wünschen. Schokoladenkuchen, ihren Glückskuchen! Und sie würde ihre alte löchrige Strickjacke gegen einen Daunenmantel eintauschen. Einen dieser dicken Mäntel mit Kapuze, in den man sich wie in eine Bettdecke hüllt. Lina springt auf und tanzt durchs Zimmer. Sie hüpft vor Freude. Als es dunkel wird, stellen wir uns an das kleine Dachfenster und schauen in den Sternenhimmel. Sie strahlt vor Glück und ich kann nicht anders, als sie auf die Wange zu küssen.

Linas Augen funkeln: Nochmal flüstert sie.

Und die kleinen blassen Buchstaben aus dem Sonderangebot werden zum schillerndsten, bedeutendsten aller Worte.

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